Leserfragen

  • Im Buch erklären Sie, dass die Angst vor dem Unbekannten immer ein bisschen mit dabei ist, auch bei der Wahl eines Produktes im Supermarkt. Wir entscheiden uns lieber für das uns bekannte Produkt, als für das Neue.

    Wenn ICH das begründen müsste, nachdem ich die Kapitel bis und mit Motivation gelesen habe, würde das etwa so tönen: Im Supermarkt entscheiden wir uns meist für die selben Produkte, weil unsere Idee vom Produkt, verknüpft mit positiven Gefühlen uns motiviert dies zu erwerben. Von neuen Produkten haben wir vielleicht eine Idee, das positive Gefühl fehlt uns aber, es entsteht keine Motivation diese zu kaufen.

    Auf den Punkt: Wieso ist es nun die Angst vor dem Unbekannten die uns am Erwerb hindert? Ist es nicht «einfach» die fehlende Motivation?

    R. aus I.

    Antwort

    Danke R, Sie deuten auf einen sehr wichtigen Punkt: alle der beschriebenen Mechanismen im Buch, wie hier Motivation und Angst, sind gleichzeitig unterwegs und widersprechen sich nicht selten. Häufig “kämpft” die Motivation gegen die Angst. Je stärker der Widerspruch, desto anstrengender die Situation. Es kann durchaus sein, dass Sie sich für ein Produkt entscheiden, weil Sie sich darauf freuen (Motivation), während dem Sie keinen Antrieb verspüren, etwas Neues zu probieren. Die Entscheidung fällt leicht. Haben Sie weder für das eine noch das andere Produkt Emotionen, so werden Sie wahrscheinlich das bekannte nehmen, wegen dem Risiko in der Ungewissheit mit dem Neuen. Auch hier sind jedoch Konflikte möglich. Neugier oder der sogenannte Entdeckergeist könnte sich mit der Hemmung vor dem Neuen konkurrieren. Das ist, was wir in der Soziologie als Komplexität bezeichnen, es ist selten eindeutig, weil verschiedene Kräfte gleichzeitig am Werk sind. Wenn Sie nun diese verschiedenen Mechanismen kennen, können Sie das Spiel beobachten und sich bewusst für das eine oder andere Entscheiden.

  • Wir haben die Freiheit, 24h Geld zu beziehen oder das Auto aufzutanken. Moderne Technologie macht es möglich. Die Suche nach dem unverbindlichen, erotischen Erlebnis wird per App sehr einfach. Sind wir abhängig von der Unabhängigkeit?

    C. aus Z.

    Antwort

    Danke C., ein elegantes Wortspiel zu einem ernsten Thema. Die angesprochene Unabhängigkeit ist eine vermeintliche. Bei den Geldautomaten wie auch bei den Tankstellen sind wir davon abhängig, dass die vielen – für die meisten Leute unsichtbaren – Menschen hinter diesen Technologien diese auch bereitstellen und betreiben. Die Abhängigkeit ist nicht mehr offensichtlich wie als wir nicht mit Schalterpersonal und Tankwart zu tun hatten, jedoch unverändert stark. Durchaus gewöhnen wir uns an den Komfort, der die Technologie mitbringt und ja, durchaus verlassen wir uns zunehmend darauf, was nichts anderes ist als eine weitere Abhängigkeit. Wir sind nun nicht mehr “nur” davon abhängig, dass die Technologie bereitgestellt wird, sondern zusätzlich noch, dass sie auch funktioniert, wenn wir sie brauchen.

    Bei der Dating-App ist es m.E. brisanter: durch die vereinfachte Partnersuche werden Liebesbeziehungen heute aus ungleich oberflächlicheren Gründen beendet als früher. Wenn ich mit ein paar Mausklicks jemand “besseres” finden kann… Es ist die gleiche Formel am Werk, jedoch in umgekehrter Richtung. Die Welt der Dating Apps zeigt auf was passiert, wenn die Abhängigkeit wegbricht.

    Stefan Boller