Identifikation

Das Gefühl der Zugehörigkeit ist für uns Menschen zentral. Wir wollen anerkannt werden und dazu gehören. Wieso sind diese Bedürfnisse so stark?

Schmerzhafte, gesellschaftliche Situationen entstehen vor allem dann, wenn wir ausgeschlossen werden, nicht mehr dazu gehören dürfen, und als Individuum nicht mehr akzeptiert sind. Die Hirnforschung zeigt, dass die Erinnerung an solche Situationen den empfundenen Schmerz stärker neu aufleben lässt, als die Erinnerung an körperliche Schmerzen wie die von einem Unfall.

Da wir darauf programmiert sind, Schmerzen möglichst zu vermeiden, so versuchen wir konsequenterweise, sozialen Schmerz wie den Ausschluss aus einer Gruppe möglichst zu vermeiden. Ordnen wir hierfür auch unsere Werte und Ideale unter?

Werte und Veränderungen

Wir fühlen uns richtig wohl in einer Gruppe, wenn unsere Werte und Ideale geteilt werden. Werte sind, was wir gut finden. Das Spektrum von Werten ist breit gefächert und kann Umweltschutz, Respekt, Wohlstand und vieles mehr beinhalten. Werte sind wichtig, weil wir uns an ihnen orientieren und sie uns motivieren. Dabei sind sie keinesfalls stabil: Werte können sich verändern und je nach Situation unterschiedlich relevant sein.

Werte entstehen und entwickeln sich über unsere Lebensgeschichte. Sie werden von Interpretationen unserer Eindrücke geprägt, von unserer Umgebung oder von aktuellen Umständen beeinflusst. Gewisse Werte verfolgen wir seit längerer Zeit, andere sind neuer. Wie unsere Werte, so verändert sich auch unsere Identität stetig und hat einen Einfluss auf unser Wohlbefinden und Selbstbewusstsein.

Sozial geprägt

Alle unsere Werte sind nicht einfach angeboren, sondern sozial geprägt. Dabei reicht ein Blick über Landesgrenzen hinaus, in andere Länder, auf andere Sitten. Rülpsen wird beispielsweise in gewissen Kulturen als anständig oder eben unanständig empfunden. Hier unterscheidet sich das Wertesystem «nur» in einer Frage des Anstandes, aber die Unterschiede existieren auch in fundamentalen Themen wie Menschenrechte.

Wir können uns mit unterschiedlichen Wertsystemen identifizieren und uns verschiedenen Gruppen zugehörig fühlen. Die Flexibilität unseres Wertsystems und unseren Ideen, die wir gut finden, macht dies möglich.

Authentizität

Da unsere Werte sich laufend verändern und zudem immer wieder neue Werte dazukommen, ist klar, dass diese auch miteinander in Konflikt stehen können. Werte können sowohl in uns selbst als auch mit den Werten anderer kollidieren. Um mit diesen Wertkonflikten umgehen zu können, kann eine tiefere Auseinandersetzung und genauere Untersuchung hilfreich sein. Das können Sie jederzeit selbst tun. Das Hinterfragen erklärt viel über uns und je besser wir unsere Werte kennen, desto gekonnter navigieren wir durch die ganze Komplexität.

Da sich unsere Werte stetig verändern und miteinander in Konflikt stehen, ist Authentizität im Sinne von all seinen Werten immer treu zu sein gar nicht möglich. Zumindest nicht reinrassig.

Wie authentisch wir sind, ist somit keine Frage nach schwarz oder weiss, sondern in welchem Umfeld wir welche unseren Werte mehr oder weniger treu sein können. Eine einfache, praktische Übung zur Persönlichkeitsentwicklung ist daher, sich gelegentlich selbst zu fragen, wo und mit wem wir in welchen Situationen wichtigen Werten folgen können.